Galerien – Julian Opie: Der Strich macht Männchen


Ebendiese Personen „parken“. Klar. Nein, nicht ihr Kutsche. Sonst würden sie dies doch ohne Anführungszeichen tun. Vielmehr nach sich ziehen sie sich gemütlich in irgendeinem Londoner Park platziert, wo Julian Opie (Herstellungsjahr 1958) reichlich Gelegenheit hatte, sie zu beobachten, zumal er im vorigen warme Jahreszeit eigenen Aussagen zufolge in seiner Geburts- und nachdem wie vor Heimatstadt „festgesessen“ ist.

Nicht, dass er ein Spanner wäre, er ist natürlich ein Künstler. Plastiker, Zeichner, und Videos macht er obendrein. Animationen. Und diesmal war sein Plan, wie er im Text zur Schau schreibt, die Galerie Krobath „so mit Figuren zu bevölkern, denn wäre sie ein öffentlicher Park oder ein Wartesaal“. Dasjenige ist ihm sichtlich gelungen. (Moment, seither zu welchem Zeitpunkt bedeutet parken: „sich in einem Park zum Stillstand bringen“? Tja, spätestens seither – jetzt.) 

Trivial ist selten schwierig
Überall Strichmännchen und –weibchen. Mit denen hat welcher Tommy die Räumlichkeiten förmlich möbliert. Luftig lungern die entschlackten Zeichnungen aus schlanken Edelstahlrohren (poliert oder mit weißem Autolack beschichtet) herum, sitzen, liegen, sitzliegen. Kriechen gen allen vieren. Welches freilich so simpel anmutet (ein paar zurechtgebogene Linien halt), ist in Wahrheit ziemlich komplex. Dieser Weg zur ultimativen Schnörkellosigkeit, zur grafischen Verwesentlichung, zur Essenz welcher Körperhaltung (und Opie hat es im sozusagen plakativen Reduzieren inzwischen mindestens zu einer Meisterschaft gebracht), war hier jedenfalls kein geradliniger. Sondern einer mit diversen Umleitungen. Sogar mit einem Umleitung in die Virtuelle Realität. Mit VR-Brille.

Schluss dem Leben gegriffen: Julian Opies „Figure 2, position 4“ (2022) aus poliertem rostfreier Stahl.
– © Rudolf Strobl, 2022, Courtesy: Julian Opie und Krobath WienZuerst war dessen ungeachtet wie immer die Feldforschung dran. Die Recherche in freier Wildbahn. Schier sind die Motive des Absolventen welcher Goldsmiths School of Typ üblicherweise unmittelbar aus dem urbanen Flow gegriffen. Passanten, die an ihm vorüberschreiten oder die von kurzer Dauer an einer Lichtzeichenanlage stehenbleiben, ungeduldig solange bis zur nächsten Grünphase sich zieren. Oder plan freizeitende Menschen, gen einer Wiese zu Grüppchen arrangiert, die ihn „an Manets berühmtes Zeichnung“ erinnert nach sich ziehen.
Manets berühmtes Zeichnung? Da kann ja nur „Dasjenige Frühstück im Grünen“ gemeint sein, dies einstige Skandalgemälde des Impressionisten, dies 1863 für jedes die Juroren des Pariser Salons zu aufregend war, um es voluntaristisch auszustellen. Zumindest nach sich ziehen sie sich oben die Nackerte, die mit zwei Herren im Anzug picknickt, während eine andere im Gewässer hinten plantscht (solches durchaus vergleichsweise züchtig im Unterkleid), dermaßen exaltiert, dass es lediglich für jedes eine Präsentation im Salon des Refusés, dem Salon welcher Zurückgewiesenen, gereicht hat.
Unterdies hat Manet seine kompositorische Vorlage, vereinen Nebenschauplatz in Raffaels „Urteil des Paris“, dieser Muskelfleischorgie, doch eh anständiger gemacht, nämlich wenigstens die zwei Flussgötter, die mit welcher Nymphe irgendwas Abseitsstellung vom Geschehen am Ufer setzen und ihre athletischen Leiber vorteilhaft in Szene setzen, mit Textilware trübe. Okay, strenggenommen hat Manet nicht dies Urschrift des Renaissance-Meisters gekannt, bloß den daraufhin angefertigten Kupferstich von Marcantonio Raimondi, und gen diesem schwellen einem die Sixpacks und Bizepse gar noch expliziter entgegen.
Von Manets „Nymphe“, die vereinen geradeaus anstarrt, fühlt man sich regelrecht ertappt. Denn Voyeur. Oder denn Voyeur-in. (Nun ja, Betrachter und –medial sind Spechtler und –medial.) Opie hat es hingegen vermieden, sich denn solcher zu outen. Mit einem Täuschungsmanöver. Hat beim Fotografieren im Park so getan, denn würde er ein SMS tippen. 

Dasjenige Holz ist zu rechteckig
Die authentischen Posieren welcher anonymen Personen hat er nachher im Künstlerwerkstatt mit bekannten Personen nachgestellt. Ihm bekannten. Bzw. mit einer Verwandten (konkret: seiner Tochter Imogen) und drei von deren Freunden. In sommerlicher Riss.
Wie Manet hat er damit quasi gleichermaßen gen eine Kopie zurückgegriffen. Und welche noch dazu erneut durch den fotografischen Blick gefiltert, jede Menge Aufnahmen von allen möglichen Ansichten gemacht, zuvor sein Versuch gescheitert ist, mit wenigen markanten Strichen die jeweilige Status zu charakterisieren, dies spezifische Verhältnis welcher Gliedmaßen zueinander zu stapeln und die Neutralleiter spielerisch gen den Zähler zu herbringen, gen den Schwerpunkt (die Verzerrungen gen den Fotografien waren schuld), woraufhin die Körperdoubles mittels iPhone-App eingescannt wurden. Mustergültig (die Arbeit mit leibhaftigen Modellen) und zusammen modern (welcher Umgang mit diesen).

Faulenzen wie die Londoner in ihren Parks: „Figure 3, position 9.“ Ein für alle Mal keine Yoga-Status. Julian Opie zeichnet hier mit Stahlrohren.
– © Rudolf Strobl, 2022, Courtesy: Julian Opie und Krobath Wien“Trotzdem war es schwierig, und ich musste mehrmals meine AssistentInnen bitten, meine Zeichnungen in 3D-Computermodelle umzuwandeln, die ich dann im Raum trudeln und positionieren konnte.“ Und die er mit welcher VR-Brille begutachten konnte. Nebst welcher Übersetzung dieser virtuellen Skulpturen in die reale Welt wiederum, zusammen mit ihrer Materialisierung in welcher greifbaren Wirklichkeit, waren plötzlich dies Sperrholz und die Aluplatten, die Opie bisher verwendet hatte (für jedes seine beinah schablonenhaften skulpturalen Zeichnungen, die sich jedoch in einer Pegel abgespielt hatten), zu rechteckig, hatten die Holzbalken gen einmal zu viele Kanten für jedes die anspruchsvolleren Richtungswechsel. Trommel hat er sich für jedes schmale Rohre entschlossen, wie sie einem im öffentlichen Raum ebenfalls dauernd begegnen (denn Handlauf zusammen mit einer Stiege zur U-Fahrbahn, denn Anlehnbügel und Ständer für jedes Fahrräder . . .). Sehr zeitgemäß somit.
An und für sich flache Skulpturen (Fläche = welches Zweidimensionales), die sich in die dritte Dimension, in den Raum hineinknicken, -falten und –runden. Eine andere Sache ist ist die Linie, aus welcher sie entwickelt sind, dessen ungeachtet recht dick für jedes ein mutmaßlich eindimensionales geometrisches Konstrukt ohne Querausdehnung. Ist selbst schon in 3D. Die Gesamtheit in allem eine raffinierte Verwebung welcher drei Dimensionen. 

Nur weil die Wiese keine Wände hat
Die Figuren gibt es übrigens in drei verschiedenen Größen: lebensgroß, irgendwas handlicher (handgepäcktauglich sozusagen, gen ein Corian-Podest montiert, dies frappante Ähnlichkeit mit einer Yogamatte hat) und eine Mindestens-Version in einer Typ Zündholzschachterl, dies sowohl denn Transportbox dient denn gleichermaßen nachdem dem Entpacken denn praktischer Sockel. (Grenzgenial.)

Für jedes die „Figure 1, position 11“ von Julian Opie heißt’s Petition warten, Petition warten, Petition warten . . .
– © Rudolf Strobl, 2022, Courtesy: Julian Opie und Krobath WienHat man keine Muffe, dass irgendwer Letztere kurzerhand – schwupps! – im Hosentasche verschwinden lassen könnte? I wo. Die ist sowieso gratis. Unterdies handelt es sich schließlich um die Ladung zur Schau. (Aufwärts dem Schachterl sind die wichtigsten Datenmaterial notiert. Wer, welches, zu welchem Zeitpunkt, wo.) Opies aufwändige und nicht grad gewöhnliche Einladungen sind ja mittlerweile unglaublich. Und begehrte Sammlerstücke. Karten mit 3D-Ergebnis, nippesgroße Pappkameraden und –kameradinnen . . . – im vorliegenden Kern ist 3D freilich endgültig kein Ergebnis. Sondern Wirklichkeit. Ein Kartonquader mit Länge, Weite und Tiefsinn. Und darin: dies Leiter-Mindestens-Me eines Stahl-Unikats.
Kurze Hosen, T-Shirt, Kleiderl – zusammen mit allem Minimalismus ist selbst dies luftige Outfit angedeutet, deutlich sich die Liebe zum augenfälligen Detail. Unverhüllt ist in welcher Galerie schlimmstenfalls welcher alltagsgraue Untergrund. Weil niemand vereinen grasgrünen Teppich verlegt hat, vereinen Kunstrasen. Zwecks landschaftlicher Umgebung. Wodurch die drei Einzelgänger, die weniger geselligen Exemplare, die wie Autos lackiert und zwischen Untergrund und Wand geklemmt sind, sich an Letztere stützend zurechtfinden, gewissermaßen Indoor-Stellungen schlucken. No na. Oder hat eine Wiese Wände? Inspirationsquelle waren da sessellos ausharrende Passagiere gen dem Flughafen. Hochaktuell. (Stichwort: gecancelte Flüge.) Dasjenige Gepäck muss man sich halt dazudenken. Originell und zackig: welcher Wandhocker, welcher wie zusammen mit dieser Training für jedes Knack-Popo und Beine vor welcher Wand in die Hocke geht und dies gesichtslose Ringerl, dies sein Kopf ist, lose gen den Händen balanciert. 

Hinten ist dies zweite Vorne
Hier Naherholungsgebiet, dort Wartehalle: Die Übergänge sind fließend. Zwischen faulenzendem Verweilen und strapaziöser Warterei. Irgendwie hat man dies Bedürfnis, sich dazuzuknotzen, dazuzulümmeln. Teil vom entspannenden Ganzen zu werden.

Boy meets Girl. Im Unterschied dazu brav mit Social Distancing. Julian Opies „Suit“ (rechts) und „Cardigan“ (sinister), zweitens aus dem Jahr 2021 und aus Holz (und noch seicht).
– © Rudolf Strobl, 2022, Courtesy: Julian Opie und Krobath WienUnd wohin münden die zwei Stufen? Ins Hinterkammerl. Zu zwei frontalen Steh-Figuren aus Holz. Einem stattlichen 1,80-Meter-Mann im Anzug („Suit“) und einer Strickjacke tragenden 1,73-Meter-Die noch kein Kind geboren hat („Cardigan“), die mit ihren Blicken die soziale Ferne zwischen sich kurzschließen, sich ansehen. Und dies, obwohl sie nicht einmal Augen besitzen. Übrig eine Rückseite verfügen sie, nebenbei bemerkt, genauso wenig. Sondern? Welches nach sich ziehen sie denn dann hinten? Eine zweite Vorderseite. Eine spiegelverkehrte. Zwischenmenschliche Tonus knistert.
Eine entschleunigende Schau, die dies Ophthalmos (die Gast nach sich ziehen ja so welches) weder überanstrengt noch unterfordert.

Galerie Krobath
(1., Eschenbachgasse 9)
Julian Opie
Solange bis 30. Juli
Di. – Fr.: 11 – 18 Uhr
Sa.: 11 – 15 Uhr

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