E.T.A. Hoffmann – Hellsichtiger Nachtwandler


Jener Dresdner Landsmann Lindhorst, während des Tages ein braver Archivarius, verwandelt sich nächtens in kombinieren zauberischen Salamander, dieser abenteuernde Streifzüge unternimmt und anderntags in dieser Trinkstube seine Tischrunde damit unterhält. Elis Fröbom, ein wackerer Hochzeiter, erliegt noch am Vermählungstag den Lockungen dieser Bergkönigin und folgt ihr ins Intern des Felsmassivs – Jahre später findet man seine sterbliche Überreste, kristallisiert im Vitriolwasser. Und Cardillac, den bestens beleumundeten Pariser Goldschmied, treibt es, um seine Kunstwerke zurückzuerlangen, nächtlicherweile dazu, die ganze Käuferschaft auszurotten.

Drei Figuren aus E.T.A. Hoffmanns Prosawerk: drei Kronzeugen zum Besten von die darin immer wiederkehrenden Motive dieser Verrücktheit und des zwanghaften Doppelgängertums. Hinaus dieser Schwelle von Spätaufklärung und Frühromantik lotet dieser „Gespenster-Hoffmann“, wie dieser narrative Instanz dieser „Nachtstücke“ und dieser „Elixiere des Teufels“, dieser „Märchen“ und „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ demnächst genannt wird, tief hinab in die zeitweise aufbrechenden Seelenabgründe bürgerlicher Existenz. Welches er dort findet und, halb versöhnlich-augenzwinkernd, halb von panischem Schrecken erfasst, beschreibt, ist eine unheilvolle Verabreichung dieser Verwandlung, die seine Gestalten zumindest vorübergehend aus allen festgefügten Lebenssicherheiten reißt und in albtraumhafte Grenzerfahrungen des eigenen Ichs stürzt.

Freizeitartist
Hoffmanns Erkundungsgänge in die Nachtbezirke des Unbewussten sind zwar zumeist noch fabulierfreudige Spaziergänge, doch spukt hier, zehn Dekaden vor Freud, schon irgendetwas vom Wissen um die Brüchigkeit eines geschlossenen Persönlichkeitsbilds und die Risiko des eigenen Seelenkontinents durch fremde, unbestimmbare Mächte mit: Nicht wenige dieser Erzählexkursionen ins Phantastisch-Groteske resultieren zu Aussichtspunkten, von denen dieser Blick hinüber in die frühe Moderne, zu Dostojewski etwa oder zu Kafka, nicht weit zu schweifen braucht.
Die Gespaltenheit und Doppelbödigkeit dieser Existenz hat Humorlosigkeit Theodor Amadeus Hoffmann am eigenen Leib erlebt. Dem preußischen Kammergerichtsrat, dieser seine Amtsgeschäfte mit großer Selbstbeherrschung und Pflichterfüllung führte, galten seine künstlerischen Neigungen stets nicht zuletzt wie Irritationen seiner bürgerlichen Lebensführung: Spielerisch, gleichsam wie Freizeitartist, versuchte er sich zwischen Brotberuf und innerer Ernennung zu in die Wege leiten.

Schriftwerk:Rüdiger Safranski: E.T.A. Hoffmann. Dies Leben eines skeptischen Phantasten. Um ein Nachwort erweiterte Neuausgabe. Carl Hanser Verlagshaus, München 2022. 542 Seiten, 32,90 Euro.Oliver vom Hove lebt wie Dramaturg, Literaturwissenschafter und Publizist in Wien.

Die nachher langen Jahren wieder aufgelegte Hoffmann-Biographie Rüdiger Safranskis, die nicht nur eine minutiöse Lebensgeschichte des Dichters, sondern nicht zuletzt eine hervorragende werkgeschichtliche Deutung darstellt, belegt eindrucksvoll die engen Verflechtungen von individueller Erleben und poetischer Imagination in Hoffmanns literarischem Schaffen. Im Spiegel dieses konturenscharfen Künstlerporträts kann zusammen ein Zeitalter besichtigt werden – dies dieser romantischen Kulturwende in Schriftwerk, Musik, Philosophie und Politik. Ein Portrait nicht zuletzt dieser sozialen Umwälzungen im Nachklang dieser Französischen Revolution solange bis zum Auftakt des enggeschnürten Biedermeier.
Im Rahmen Hoffmann, dem wie Literat, Komponist und Zeichner gleichermaßen Hochbegabten, war dieser Hang zum beharrlichen Grenzgang zwischen Kunst und bürgerlicher Selbstbehauptung frühzeitig ausgeprägt. 1776 in Königsberg geboren und schon wie Kind im wahrsten Wortsinn unbehaust, suchte er zeitlebens nachher Sicherheit in den äußeren Lebensumständen – seine innerer Exzentrik freilich wusste diesen Anspruch stets ironisch zu relativieren. Den Erziehungsprinzipien seiner Vormünder unterwarf er sich nur virtuell: „Er spürt ihren Verdichtung, handkehrum nicht zuletzt die innerer Macht, mit ihnen wenigstens spielen zu können“, stellt Safranski verspannt: „Sich ihnen ganz zu entziehen, dazu reichte sie schon nicht aus.“
Die Doppelexistenz wie Lebensform befähigte Hoffmann zu jener Positur eines „skeptischen Phantasten“, die sein Biograph wie durchgängige werkgeschichtliche Konstante beschreibt. Dies Stilmittel seiner Epoche, die romantische Ironie, ist wohnhaft bei diesem beamteten Fabulierer und exzentrischen Realisten nicht maßgeschneidertes Literatenkostüm, sondern verinnerlichte Reife: Hoffmann misstraute den Verheißungen bürgerlicher Glückseinfalt sowohl den realitätsenthobenen Imaginationen einer selbstverlorenen romantischen Kunstreligion. Jener widersetzte er sich durch bizarre Phantastik, dieser durch eine poetische Verwandlungslust, die aus den Spannungen dieser eigenen Existenz den Substanz zum Besten von ein unermüdliches Vexierspiel wechselnder Identitäten gewinnt. „Nichts ist langweiliger“, schreibt er in dieser „Prinzessin Brambilla“, „wie festgewurzelt in den Erdboden jedem Blick, jedem Wort Referat stillstehen zu sollen.“

Stoß nachher dem Selbstporträt, um 1800
– © gemeinfrei“Festgewurzelt in den Erdboden“ blieb er nicht einmal in seiner Juristerei. Jäh endete seine Zeit wie Regierungsrat in Warschau, wie dort 1806 Napoleons Truppen einmarschierten: Hoffmann, bisher vorwiegend ein „Freizeit-Komponist“, wich nachher Bundeshauptstadt aus, verlebte ein Elends- und Hungerjahr und nahm schließlich eine Ernennung wie Musikdirektor in Bamberg an.
Die deprimierenden Erfahrungen in dieser fränkischen Kleinstadt setzen zum ersten Mal Hoffmanns literarische Phantasiekräfte unbewohnt – in dieser geometrische Figur des zwielichtigen Kapellmeisters Kreisler versammelt er die eigenen Hoffnungen und angstvoll erahnten Gefährdungen eines genialischen „freien“ Künstlertums. „Kreisler ist Hoffmanns Double zum Besten von gefährliche Aufgaben“, bemerkt dazu Safranski. „In dieser Gestalt ist die Gesamtheit monumentalisiert: Paralyse und Hochbetrieb künstlerischen Schaffens, die Lugdunum Batavorum des Verkanntwerdens, dieser Hass gegen die Welt des kunstfeindlichen bürgerlichen und aristokratischen Spießertums.“
Die künstlerisch befreiende Wirkung beruflich-materieller Krisen wiederholte sich 1812, nachher dem Verlust dieser Bamberger Stelle, wie Hoffmann in einem therapeutisch empfundenen Schreibrausch in wenigen Wochen den ersten Bd. seiner „Elixiere des Teufels“ fertigstellte.
Keine Unbilden dieser Zeitläufte konnten in solchen Schaffensphasen seine Produktionslust dämpfen: Im August 1813 etwa, wie die Schlacht um Elbflorenz tobte und Hoffmann, dieser abends in dieser Oper Mozarts „Zauberflöte“ dirigierte, an Leiterwagen voller Leichen vorbei musste, entwarf er unbeirrt eines seiner bekanntesten Märchen, „Jener goldne Topf“. „In keiner wie dieser düstern verhängnisvollen Zeit hat mich dies Schreiben so angesprochen“, schrieb er seinem Verlegerfreund Hitzig: „Es ist, wie schlösse ich mir ein wunderbares Reich aufwärts, dies, aus meinem Innern hervorgehend und sich gestaltend, mich dem Drange des Mitteilen entrückte.“

Schriftwerk wie Heilkur
Schreiben wie Therapie: Z. Hd. Hoffmann, dieser im letzten Lebensjahrzehnt, solange bis zu seinem frühen Tod am 25. Rosenmonat 1822, rastlos Buch aufwärts Buch gehorchen ließ und geradezu zu einem Modeschriftsteller seiner Zeit avancierte, wurden die Fabulierausflüge am Schreibtisch zur Heilkur privater Lugdunum Batavorum. Sekundär dies zählt zu den Vorzügen von Safranskis nachher Jahrzehnten wiederaufgelegten Hoffmann-Gesamtdarstellung: dass sie des Künstlers Hass aufwärts den eigenen Leib wie Quellgrund seiner Obsessionen und Selbstbezichtigungsrituale analysiert.
Hoffmann, ein Sitzriese, verwachsen, mit unansehnlichen Gesichtszügen, war gehemmt durch seine Hässlichkeit: Z. Hd. ihn wurde, wie Safranski feststellt, „dieser eigenen Leib, im Prinzip Organ dieser Lust, zur Schranke des Begehrens“. Manch phantastisch-verschrobenes Thema in seinen Erzählungen wird so dieser psychoanalytischen Deutung zugänglich: wie Defensive und zusammen wie Sublimierung körperlichen Begehrens.
Im deutschen Sprachraum blieb die Wirkungsgeschichte E.T.A. Hoffmanns unbelehrbar, in markantem Unterschied vor allem zu Grande Nation, wo „le diable Hoffmann“, wie nicht zuletzt Jacques Offenbachs Operette „Hoffmanns Erzählungen“ beweist, sich anhaltender Beliebtheit erfreute. Die darin auftretende geometrische Figur dieser mechanischen Schönheit Olimpia ist aus dem Erzählwerk „Jener Sandmännchen“ hervorgegangen, dies nachdrücklich zeigt, wie sehr dieser Dichter im Unheimlichen und Abgründigen zu Hause war. In dieser Novelle lässt er kombinieren von traumatischen Kindheitserlebnissen und Wahngesichten verfolgten Studenten durch ein verführerisches Fernglas im gegenüberliegenden Fenster die starre Schönheit einer Professorentochter beobachten, die sich regungslos seinem Blick zeigt. Je länger dieser verzauberte Student die Gestalt dieser „himmlisch-schönen Olimpia“ wahrnimmt, umso stärker löst sich zum Besten von ihn ihre Regungslosigkeit aufwärts: „Doch wie er immer schärfer und schärfer durch dies Glas hinschaute, war es, wie gingen in Olimpias Augen feuchte Mondesstrahlen aufwärts. Es schien, wie wenn nun erst die Sehkraft wund würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke.“

Gedenktafel in dieser Charlottenstraße in Bundeshauptstadt-Zentrum
– © OTFW, Bundeshauptstadt, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia CommonsErst dieser Tanz mit dieser starren Schönen wohnhaft bei einem Elevenball enthüllt ihm die wahre Gestalt dieser Maschinen-Puppe Olimpia, die mit dieser Präzision eines Uhrwerks ihre Bewegungen durchführt. Z. Hd. den Studenten Nathanael, dieser sich von allen Bindungen an seine Lebenswelt losgesagt hat, kommt die Erkenntnis zu tardiv: Die bedingungslose Fixierung aufwärts ein Wunschbild führt ihn in die Katastrophe. Er endet in Selbstzerstörung. Die Himmelsleiter, bemerkte Hoffmann einmal an anderer Stelle, muss kombinieren festen Stand in dieser Wirklichkeit nach sich ziehen.
Jener Kraft des Dichters aufwärts die Weltliteratur kann nicht überschätzt werden. Am Finale seines nur 46 Jahre währenden Lebens war er dieser meistgelesene deutsche Schriftsteller seiner Zeit. In England verstärkte die „schwarze Schwärmerei“ seiner Werke noch einmal die Fortbewegung dieser gothic novel, in Amiland gehörte vor allem Edgar Allan Poe zu Hoffmanns glühendsten Bewunderern. Den heutigen Leser vermag die Schriftwerk dieses hellsichtigen Nachtwandlers erneut in ihren Zauber zu ziehen: eines Autors, dieser in einer Epoche des politischen Rückschlags und dieser Risiko durch Selbst-Verlust den überaus ertragreichen Versuch unternahm, Amtsweg und Pegasus zusammen zu reiten.

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